Präsident von Springers Gnaden?
Lange habe ich die Diskussionen um die Wulff-Affäre verfolgt. Bisher habe ich mich mit einem eigenen Kommentar zurückgehalten. Dies nicht zuletzt, weil mir das ohnehin falsch ausgelegt werden würde. Da die Debatte nun aber Dimensionen annimmt, die im Vorfeld nicht auszumachen waren, kann ich nicht mehr still sein und gebe doch mal meinen Senf dazu.
Vorweg: Ich möchte die Taten des Bundespräsidenten nicht verteidigen. Sein mediales Auftreten war nicht gut beraten und teilweise hat er die anhaltende Debatte sich selbst zuzuschreiben.
Aber das ist nicht der Grund weswegen ich schreibe. Der Grund ist ein viel gewichtigerer als irgendwelche Kredite oder Urlaubsreisen eines Menschen: Der Grund ist die Macht der Medien. Es ist erstaunlich und erschreckend zugleich, wie viel Einfluss die Medien auf die politische Gestaltung haben. Besonders der Springer-Verlag liefert derzeit eine Machtdemonstration ohnegleichen ab. Denn er wird plötzlich zum Präsidentenmacher.
Wieso? Ganz einfach: Die Springer-Presse hat einiges in der Schublade, was bei einer geschickten Platzierung dazu führt, dass die Öffentlichkeit den Druck auf den Bundespräsidenten so weit erhöht, dass dieser nicht anders kann als zurückzutreten. Ihr meint, dass sei nicht so? Der Präsident hätte sich das selbst zuzuschreiben? Die Medien leisten nur Aufklärungsarbeit? Ich glaube nicht. Überlegen wir uns doch nur mal, was wir normalerweise über die BILD und die anderen Springer-Medien denken. "Schmierenblätter", "Boulevardeske Sensationsjäger", "unseriös". Ausgerechnet diese Medien geben uns nun vor, was wir vom Präsidenten zu halten haben. Das ist doch mehr als lächerlich. Wie schnell konnte sich Springer vom Schmuddelblatt zum Verfechter der Pressefreiheit stilisieren? Dafür hat es nur eine Woche und einen Panik-Anruf vom Präsidenten gebraucht. Armes Deutschland.
Seht ihr denn nicht, was damit angerichtet wird? Plötzlich ist das was Springer sagt, die Wahrheit. Der BP wollte die Veröffentlichung des Berichts verhindern und somit Zensur ausüben? Wirklich? So wird es überall berichtet. Nur als Randnotiz wird da ein ARD-Morgenmagazin-Bericht wahrgenommen, in dem Personen, die den Wortlaut der Mailbox-Ansage gehört haben, bestätigen, dass Wulff nur einen Aufschub wollte.
Jetzt haben wir das Dilemma. Der Druck steigt. Jedes Blatt will seinen eigenen Skandal beim obersten Mann im Staate finden und gräbt und gräbt. Es ist eigentlich nur noch eine Frage der Zeit und eine Frage der Nachfrage des Volks bis Christian Wulff doch noch einknickt und zurücktritt. Die Chancen sind jedenfalls nicht gut. Und was dann?
Egal welche Person der nächste Bundespräsident wird (oder wer die erste Präsidentin) ein Geschmäckle bleibt. Egal wie integer diese Person ist, es wird ein Präsident von Springers Gnaden sein. Glaubt wirklich jemand da draußen, dass Springer das nicht auch mit einem so hoch geschätzten Mann wie Gauck hätte machen können (den ich mir übrigens auch durchaus als Präsidenten hätte vorstellen können - das war bei Wulff aber genauso)? Keiner ist sündenfrei. Jeder hat irgendwas auf dem Kerbholz. Alle müssten bei einer Recherche fürchten, dass irgendetwas an die Oberfläche kommt, was man selbst vielleicht als unwichtig abgetan hat oder in die Vergangenheitsschublade steckt. Wenn es nicht die eigene Person ist, die angegriffen werden kann, dann vielleicht jemand aus der Familie. War der Opa vielleicht ein NS-Offizier, der die Massenvernichtung angeordnet hat? Hat sich der Enkel nie davon distanziert? War die Frau vielleicht auf der Uni das Flittchen?
Was würde die Presse bei Euch finden? Denkt jetzt an Eure tiefsten Geheimnisse, denn die würden nicht lange verborgen bleiben.
Nur wenige haben die Machenschaften der Medien und von Springer im besonderen geblickt. Hape Kerkeling stellt sich ausdrücklich hinter den Präsidenten und auch die taz kommentiert differenziert. Aber kommt dies in der Bevölkerung an? Wohl nicht. Wir hatten schon damals skandalträchtige Präsidenten. Lübke und Rau waren keine Engel. Doch hatte man dies damals durchgehen lassen.
Ich kann Köhler nun besser verstehen, dass er direkt nach dem ersten kleinen Schauer zurückgetreten ist. Hätte er dies nicht getan, wäre ein Unwetter biblischen Ausmaßes auf ihn heruntergeprasst. Der Rücktritt war die einzige Möglichkeit, sich der medialen Hexenjagd zu entziehen.
Mein Appell: Liebes Deutschland, besinnt euch doch wieder zurück, auf das, was ihr als gegeben gedacht habt: 1. Das Amt des Bundespräsidenten ist nicht so wichtig (was nicht stimmt) und 2. Die BILD schreibt Mist (was auch nicht immer stimmt). Dann kann die Debatte viel entspannter wahrgenommen werden und die Menschen können wieder ihrer Arbeit nachgehen.
Daher: Verhindert einen Präsidenten von Springers Gnaden.
